Vereinigung zur Förderung des deutschen Brandschutzes e.V.

GFPA German Fire Protection Association

Richtlinie 10 / 01

Bewertung von Schadstoffkonzentrationen im Feuerwehreinsatz


Stand: Frühjahr 2016

Die Richtlinie 10/01 wurde und wird weiter unter Berücksichtigung der internationalen Acute Exposure Guideline Levels (AEGL) aktualisiert und fortgeschrieben. Diese Richtlinie ist in deutscher und englischer Sprache erhältlich.

Die neueste Auflage der RL 10/01 ist im Frühjahr 2016 erschienen. Es sind die gesamten Inhalte der Richtlinie geprüft und an aktuelle Rahmenbedingungen (z.B. Begriffsbestimmungen, Grenzwerte) angepasst worden. Auch wurden die ergänzenden ETW für kurze Einsätze bis zu 1 Stunde in die eigentliche Richtlinie aufgenommen. Unter http://www.epa.gov/oppt/aegl/pubs/chemlist.htm stehen die aktuellen AEGL-Werte (in Englisch) zum Download bereit. Dort finden sich auch Begründungen zu den einzelnen Stoffen. In der Anlage 1 wurden im Februar 2016 die neuesten ETW-Werte eingefügt. Dabei sind seit einiger Zeit auf Grund aktueller Diskussionen zur Bewertung für kürzere Einsätze (Erläuterung siehe unten) zusätzlich Einsatztoleranzwerte für bis zu 1h Einsätze aufgenommen worden. 


Quelle: Dräger Safety AG & Co. KGaA

Aus der Liste der Brandrauch-Leitgase wurde - das in dem zugrunde liegenden Forschungsvorhaben ebenfalls
enthaltene - Formaldehyd gestrichen, Da es "nur" als Reaktionsprodukt entsteht. Es bleiben damit folgende
Brandrauch - Leitsubstanzen (vgl. auch vfdb-RL 10/03): CO Kohlenstoffmonoxid, HCN Cyanwasserstoff
("Blausäure") und HCl Chlorwasserstoff ("Salzsäure")

Zur Abschätzung der Gefahren durch das Einatmen giftiger Gase und Dämpfe wurden - auf die Belange der Feuerwehr zugeschnitten - sogenannte Einsatztoleranzwerte (ETW) ermittelt. Die ETW sind toxikologisch so festgesetzt worden, dass unterhalb dieser Werte die Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Einsatzkräften ohne Atemschutz bei etwa vier-stündiger Exposition während eines Einsatzes und in der Folgezeit nicht beeinträchtigt wird.

Seit Ende 1998 laufen international unter Führung der USA Arbeiten an ähnlich definierten Werten. Diese AEGL-Werte (Acute Exposure Guideline Levels) werden in den nächsten Jahren die ERPG-Werte (Emergency Response Planning Guidelines) ersetzen. Da die AEGL-2-Werte für 4 Stunden den ETW definitionsgemäß entsprechen, werden die ETW durch die AEGL-2-Werte ersetzt, sobald sie verfügbar sind. Die vorliegende vfdb-Richtlinie wurde daher unter Berücksichtigung der aktuell herausgegebenen AEGL-2-Werte überarbeitet. Im ersten Schritt wurden dabei AEGL-2, 4h-Werte für die feuerwehr- relevanten Stoffe übernommen, egal ob diese schon final waren oder nicht. Seit 2007 werden Änderungen bei AEGL-2, 4h-Werten nur noch als ETW übernommen, wenn diese in einem finalen Status sind. Für die Zukunft sind weitere Änderungen zu erwarten, da derzeit noch einige weitere Stoffe aus der ETW-Liste keinen finalen AEGL-Status haben.

Im Jahr 2008 wurden mehrere neu erschienene, finalisierte AEGL-2 (4h) Werte auf Übernahme nach den ETW-Kriterien geprüft. Den Kriterien des ETW entsprechend wurde der ETW von Chlorwasserstoff daraufhin von 5,4 auf 11 ppm
(neuer finaler AEGL-2 (4h)-Wert) geändert.

Für 3 weitere Stoffe sind im Laufe des Jahres 2010 neue finale AEGL-2 (4h)-Werte veröffentlicht worden. Diese wurden auf der Herbstsitzung 2010 zur Übernahme als neue ETW vom Referat 10 beschlossen: Fluor von 2 auf 2,3 ppm, Kohlenstoffdisulfid von 10 auf 100 ppm und Schwefeldioxid von 1 auf 0,75 ppm. In 2013 sind auf der Frühjahrssitzung und im Sommer für insgesamt 5 Stoffe Änderungen eingeflossen: Chlorbenzol von 100 auf 150 ppm, Chloroform von 44 auf 40 ppm, Vinylchlorid von 100 auf 820 ppm, Hexan von 200 auf 2900 ppm und Salpetersäure von 3 auf 6 ppm. Insbesondere der Sprung bei Hexan wurde dabei intensiv diskutiert. Für alle Stoffe wird im Rahmen der Erarbeitung der begrenzte Einsatzzeitraum für die Feuerwehren (im Gegensatz zu z.B. Arbeitsplatzgrenzwerten für 8h täglich, ein Arbeitsleben lang) und die Art möglicher Schädigungen wissenschaftlich untersucht. Die Begründung für diesen - und die anderen Werte - ist in dem AEGL-Ausgangsdokument (Link siehe oben) gegeben. Das Referat 10 bleibt deshalb bei der Übernahme der erarbeiten AEGL-Werte als Grundlage für die ETW-Liste. Bei 2 Stoffen aus der Liste wurden fehlerhafte CAS-Nummern korrigiert. Vielen Dank für die Hinweise.

Neben 4 neuen ETW-Werten für Acrylnitril (20->0,48 ppm), Epichlorhydrin (16->14 ppm), Tetrachlorkohlenstoff (39->7,6 ppm) und Toluol (94->310 ppm) sind im Herbst 2014 in der Anlage 1 noch Bewertungshilfen für einstündige Einsatzzeiten ergänzt worden. Die Richtlinie 10/01 wurde inhaltlich bis zur Frühjahrssitzung 2015 entsprechend angepasst, anschließend als Entwurf veröffentlicht und im Herbst 2015 mit den eingepassten Änderungen dem TWB der vfdb zur Genehmigung vorgelegt. Als gedruckte Version 03/2016 liegt die überarbeitete Richtlinie mittlerweile vor.

Hintergründe für die Erweiterung um einen ETW-1 für max. einstündige Einsätze neben den bisher bekannten ETW-4 für max. 4-stündige Einsätze sind u.a. in unserem Artikel in der vdfb-Zeitschrift 1-2014 erläutert. Hier ein Auszug daraus:

4. Einsatzempfehlung

für übersichtliche, klar begrenzte ABC-Einsätze der Feuerwehren und Einsätze bei Freisetzung von Atemgiften Brand/TH/RettD mit einer nicht mehr als 1 h zu erwartenden Einsatzdauer.

Aufgrund der in der letzten Zeit häufiger vorgefundenen Einsatzsituation des ABC-Einsatzes mit z. B. dem C-Gefahrstoff Kohlenstoffmonoxid, bei denen oft erkennbar ist, dass

a) eine Querlüftung des Raumes durch Öffnen von Fenster und Türen möglich ist,

b) die Ursache der hohen CO-Konzentration gleich erkannt wird,

c) eine Menschenrettung vor Ort nicht länger als 1 h dauert und

d) es auch andere ABC-Einsätze gibt, die übersichtlich sind und einen ABC-Einsatz der Feuerwehr von maximal 1 h Dauer zur Folge haben, hält das Referat die Erweiterung der ETW-Liste für solche Einsätze auf den AEGL-2-Wert für 1 h Exposition sinnvoll.

Vor diesem Hintergrund wird die vfdb-Richtlinie 10/01 in 2014 um diese Werte ergänzt werden. Der AEGL-2-Wert für 1 h Exposition beträgt für Kohlenstoffmonoxid mit Stand 11/2013

83 ppm, sodass für den ETW für 1 h Exposition ein Wert von 83 ppm seitens des Referates 10 festgelegt wird. Oberhalb dieses Wertes ist auch bei zu erwartender maximal einstündiger Exposition ein Vorgehen von Einsatzkräften ohne PA aus Sicht des Referates 10 bedenklich und wird daher nicht empfohlen.


Der Verwender der Richtlinie muss die Anwendbarkeit auf seinen Fall und die Aktualität der ihm vorliegenden Fassung in eigener Verantwortung prüfen. Eine Haftung der vfdb und derjenigen, die an der Ausarbeitung beteiligt waren, ist ausgeschlossen.

ETW wurden für Stoffe festgesetzt, soweit diese als Gase oder Dämpfe einsatztaktisch relevant und mit einfachen Mitteln sofort nachweisbar sind. Die ETW sind in einer Wertetabelle zusammengestellt (siehe unten).

Bezugsquelle

Die vollständige Richtlinie können Sie beim  VdS-Verlag in deutscher und englischer Sprache bekommen.

Tabelle der Einsatztoleranzwerte (Anlage 1 der RL 10/01)

(Stand Herbst 2014) Einsatztoleranzwerte von Stoffen, die mit gängiger Feuerwehrmesstechnik messbar sind. An Einsatzstellen ist aufgrund der verfügbaren Messtechnik der ermittelte Wert im Vergleich zum ETW für die Beurteilung ggf. sinnvoll zu runden, siehe hierzu die vfdb-Richlinie 10/05 Gefahrstoffnachweis. Bei den in der Anlage 1 gelb unterlegten Stoffe entspricht der ETW dem Acute Exposure Guideline Level-Wert-2 für 4 Stunden Exposition (ETW-4). In der Anlage 1 sind jetzt zusätzlich auch die ETW-1 für Einsätze mit 1 Stunden Exposition ergänzt (sofern finaler AEGL-2 1h-Wert vorhanden)

StoffnameCAS-Nr.Stoff-(UN-) NummerETW-1ETW-4Ex 100 % UEGGHCBRN ErkKW
Aceton 67-64-1 1090 n.f.            500 ppm 2,5 Vol.-% *
Acrolein 107-02-8 1092 0,1 ppm 0,1 ppm 2,8 Vol.-%
Acrylnitril 107-13-1 1093 1,7 ppm 0,48 ppm 2,8 Vol.-% ·
Ammoniak 7664-41-7 1005 160 ppm 110 ppm 15,4 Vol.-% *
Anilin 62-53-3 1547 12 ppm 3 ppm 1,2Vol.-% · *
Arsenwasserstoff 7784-42-1 2188 0,17 ppm 0,04 ppm 3,9 Vol.-%
Benzol 71-43-2 1114 n.f. 20 ppm 1,2 Vol.-% · *
Carbonylchlorid (Phosgen) 75-44-5 1076 0,30 ppm 0,08 ppm n.b. *
Chlor 7782-50-5 1017 2 ppm 1 ppm n.b. *
Chlorbenzol 108-90-7 1134 150 ppm 150 ppm 1,3 Vol.-% *
Chlorcyan 506-77-4 1589 n.f. 0,3 ppm n.b.
Chloroform 67-66-3 1888 64 ppm 40 ppm n.b. ·
Chlorwasserstoff (Salzsäure) 7647-01-0 1050 (1789) 22 ppm 11 ppm n.b.
Cyanwasserstoff (Blausäure) 74-90-8 1051, 1614 (1613) 7,1 ppm 3,5 ppm 5,4 Vol.-% · · *
Cyclohexylamin 108-91-8 2357 8,6 ppm 5,4 ppm 1,6 Vol.-% ·
Epichlorhydrin 106-89-8 2023 24 ppm 14 ppm 2,3 Vol.-% · *
Essigsäure 64-19-7 2789 n.f. 20 ppm 4,0 Vol.-% *
Ethanol 64-17-5 1170 n.f. 3 000 ppm 3,1 Vol.-% *
Ethylendiamin 107-15-3 1604 9,7 ppm 6,1 ppm 2,7 Vol.-% *
Ethylenoxid 75-21-8 1040 45 ppm 14 ppm 2,6 Vol.-% · *
Fluor 7782-41-4 1045 5 ppm 2,3 ppm n.b. ·
Fluorwasserstoff 7664-39-3 1052, (1790) 24 ppm 12 ppm n.b. ·
Formaldehyd 50-00-0 1198, 2209 n.f. 1 ppm 7,0 Vol.-% *
n-Hexan 110-54-3 1208 2900 ppm 2900 ppm 1,0 Vol.-% *
Hydrazin 302-01-2 2029 13 ppm 3,1 ppm 4,7 Vol.-% ·
Kohlenstoffdioxid 124-38-9 1013 n.f. 10 000ppm n.b.
Kohlenstoffdisulfid (Schwefelkohlenstoff) 75-15-0 1131 160 ppm 100 ppm 0,6 Vol.-% ·
Kohlenstoffmonoxid 630-08-0 1016 83 ppm 33 ppm 11,3 Vol.-% *
Methanol 67-56-1 1230 n.f. 720 ppm 6,0 Vol.-% ·
Methylmercaptan 74-93-1 1064 23 ppm 14 ppm 4,1 Vol.-% *
Phosphorwasserstoff (Phosphin) 7803-51-2 2199 2 ppm 0,5 ppm 1.0 Vol.-%
Salpetersäure 7697-37-2 2031 (2032) 24 ppm 6 ppm n.b.
Schwefeldioxid 7446-09-5 1079 0,75 ppm 0,75 ppm n.b. *
Schwefelwasserstoff 7783-06-4 1053 27 ppm 20 ppm 4,3 Vol.-% ·
Stickstoffdioxid 10102-44-0 1067 12 ppm 8,2 ppm n.b.
Styrol 100-42-5 2055 n.f. 40 ppm 0,97 Vol.-% · *
Tetrachlorethen 127-18-4 1897 230 ppm 120 ppm n.b. · *
Tetrachlorkohlenstoff 56-23-5 1846 13 ppm 7,6 ppm n.b. ·
Toluol 108-88-3 1294 560 ppm 310 ppm 1,1 Vol.-% *
Toluoldiisocyanat 2,4-TDI und 2,6 TDI Isomerengemisch 91-08-7
584-84-9
2078 0,083 ppm 0,021 ppm 0,9 Vol.-% *
1, 1, 1-Trichlorethan 71-55-6 2831 600 ppm 380 ppm 8,0 Vol.-% · *
1, 1, 2-Trichlorethan 79-00-5 3082 n.f. 25 ppm n.b. · *
Trichlorethen 79-01-6 1710 n.f. 100 ppm 7,9 Vol.-% · *
Vinylchlorid 75-01-4 1086 1200 ppm 820 ppm 3,8 Vol.-% · · *

Abkürzungen:

Ex = Gefahr explosibler Gas/Dampf-Luft-Gemische
UEG = Untere Explosionsgrenze in Vol.-% (1Vol.-%  entspricht 10 000 ppm)
Quelle: BGIA, Berufsgenossenschaftliches Institut für Arbeitsschutz
GESTIS-Stoffdatenbank www.hvbg.de/d/bia/fac/stoffdb/index.html
n.b. = nicht brennbar
n.f. = nicht festgelegt
G = Gefahr der „Gewöhnung des Geruchssinnes“
H = hautresorptiver Gefahrstoff
xxx-Text (in der Anlage 1 gelb hinterlegt) =ETW entspricht dem Acute Exposure Guideline Level-Wert-2 für 1 bzw. 4 Stunden Exposition
(·) = nur unter besonderen Bedingungen
*  = mit der Ausstattung des AC-Erkundungskraftwagens (CBRN-ErkKW) erfassbar


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